Wis­sen­schaft­li­ches Publi­zie­ren im Wandel
Die inter­dis­zi­pli­näre Arbeits­gruppe beschäf­tigt sich mit den der­zei­ti­gen Wand­lungs­pro­zes­sen im Bereich des wis­sen­schaft­li­chen Publi­zie­rens. Sie nimmt vier sich ein­an­der über­la­gernde Ent­wick­lungs­pro­zesse der Digi­ta­li­sie­rung, Öko­no­mi­sie­rung, Media­li­sie­rung und stei­gen­den Refle­xi­vi­tät in den Blick und inter­es­siert sich vor allem für das Zusam­men­wir­ken die­ser Fak­to­ren und der sich dar­aus erge­ben­den Ent­wick­lungs­dy­na­mik.

Digitalisierung

Einer, wenn nicht der trei­bende Fak­tor der der­zei­ti­gen Dyna­mik im Bereich des wis­sen­schaft­li­chen Publi­zie­rens ist die Digi­ta­li­sie­rung. Hier­un­ter wird ein brei­tes Bün­del von Ent­wick­lun­gen ver­stan­den, die sich die Publi­ka­ti­ons­in­fra­struk­tur bezie­hen: Zu den­ken ist an ers­ter Stelle an die Ver­brei­tung digi­ta­ler Publi­ka­ti­ons­me­dien wie Zeit­schrif­ten­da­ten­ban­ken, Pre– und Postprint-Server sowie Daten­ban­ken mit retro­di­gi­ta­li­sier­ten Publi­ka­tio­nen, Quel­len und ande­rem Mate­rial. Diese lösen die bekann­ten und bewähr­ten, gedruck­ten Medien nicht ein­fach ab, son­dern tre­ten mit ihnen in ein Ver­hält­nis von Sub­sti­tu­tion und Ergän­zung. Digi­ta­li­sie­rung bezieht sich aber nicht nur auf die Pro­dukte wie Texte, Gra­fi­ken, Daten und Bil­der son­dern greift auch tief in die Pro­zesse der Erzeu­gung und Ver­wen­dung ein. Bei­spiels­weise wird sowohl die fach­li­che Begut­ach­tung als auch der anschlie­ßende Pro­duk­ti­ons­pro­zess vie­ler­orts mit­hilfe digi­ta­ler Platt­for­men orga­ni­siert und um die neuen Medien herum ent­wi­ckeln sich neue Rou­ti­nen des Zugriffs und der Nut­zung. Digi­ta­li­sie­rung hat nicht alle Dis­zi­pli­nen und For­schungs­fel­der in glei­chem Umfang erfasst, führt aber auch in Berei­chen der Wis­sen­schaft zu einem Anpas­sungs­druck, in denen die Anfor­de­run­gen und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kul­tu­ren nur in gerin­gem Maße kom­pa­ti­bel sind mit der der­zei­ti­gen Ent­wick­lung der digi­ta­len Technik.

Neben den mit der Digi­ta­li­sie­rung ver­bun­de­nen Mög­lich­kei­ten und Chan­cen erge­ben sich auch eine Viel­zahl von offe­nen Fra­gen, die auf einen Hand­lungs­be­darf hin­deu­ten: Wer trifft die Rich­tungs­ent­schei­dun­gen über die Ent­wick­lung der infor­ma­ti­ons­tech­ni­schen Infra­struk­tur, wer trägt die ent­ste­hen­den Kos­ten? Wie wird eine Pas­sung zu den Anfor­de­run­gen unter­schied­li­cher dis­zi­pli­nä­rer Kul­tu­ren erreicht und wo lie­gen gege­be­nen­falls auch Gren­zen der Digi­ta­li­sie­rung? Wie wird Lang­frist­ver­füg­bar­keit her­ge­stellt und wel­cher Typ von Orga­ni­sa­tion kann dies garantieren?

Ökonomisierung

Bei Groß­ver­la­gen aus dem Bereich Sci­ence, Tech­no­logy und Medi­cine (STM) lässt sich eine zuneh­mend Gewinn­ori­en­tie­rung beob­ach­ten. Sym­ptome die­ser Ent­wick­lung sind seit drei Deka­den stei­gende Zeit­schrif­ten­preise, ein öko­no­mi­scher Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zess, der zum Auf­kauf einer Viel­zahl klei­ner und mitt­le­rer Ver­lage und in vie­len Berei­chen zu einer oli­go­pol­ar­ti­gen Anbie­ter­struk­tur geführt hat, sowie hohe Ren­di­ten, die Groß­ver­lage zu erzie­len ver­mö­gen. Die Ent­wick­lun­gen im Bereich der digi­ta­len Publi­ka­tion begüns­ti­gen die­sen Pro­zess, da umfang­rei­che Inves­ti­tio­nen getä­tigt wer­den müs­sen, die klei­nere Ver­lage häu­fig über­for­dern. Nega­tive Effekte der Öko­no­mi­sie­rung stel­len sich für die Wis­sen­schaft dann ein, wenn der Zugang zu Publi­ka­tio­nen ver­knappt wird. Zugangs­pro­bleme kön­nen dabei sowohl den For­schen­den in der Rolle des Autors als auch in der des Rezi­pi­en­ten betref­fen, und sie müs­sen nicht not­wen­di­ger­weise dort ent­ste­hen, wo die Kos­ten­stei­ge­run­gen am stärks­ten sind. Bei­spiels­weise kann der Zugang zu Mono­gra­phien pro­ble­ma­tisch wer­den, wenn eine Biblio­thek ihren Etat umschich­tet, um teure Zeit­schrif­ten­pa­kete wei­ter­hin abon­nie­ren zu kön­nen. In Reak­tion auf diese Ent­wick­lung sind unter der Flagge von ‚Open Access’ eine Viel­zahl von Anstren­gun­gen zu beob­ach­ten, die auf eine Besei­ti­gung von Zugangs­bar­rie­ren zu wis­sen­schaft­li­cher Lite­ra­tur abzie­len. Aller­dings ist bereits heute erkenn­bar, dass Groß­ver­lage auch im Rah­men von Open Access über Publi­ka­ti­ons­mo­delle ver­fü­gen, mit denen ähn­li­che Ren­di­te­ziele ver­wirk­licht wer­den kön­nen, wie im tra­di­tio­nel­len Geschäftsmodell.

Auch mit die­ser Ent­wick­lung ist eine Viel­zahl von Fra­gen ver­bun­den: Wel­che Modelle der Finan­zie­rung von Publi­ka­ti­ons­me­dien pas­sen zu den Anfor­de­run­gen und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­wohn­hei­ten der ver­schie­de­nen Fächer und Dis­zi­pli­nen und sind gleich­zei­tig kos­ten­ef­fi­zi­ent? Auf wel­chen Wegen lässt sich ein höhe­res Maß an Trans­pa­renz der Ver­wen­dung von öffent­li­chen Mit­teln zur Finan­zie­rung der Publi­ka­ti­ons­me­dien her­stel­len? Und wie kann ver­mie­den wer­den, dass die Bereit­schaft der Treu­hän­der öffent­li­cher Mit­tel, das Publi­ka­ti­ons­sys­tem ange­mes­sen zu finan­zie­ren, ange­sichts der hohen Ren­di­ten der Groß­ver­lage wei­ter absinkt?

Medialisierung

Ver­än­de­rungs­im­pulse im Bereich des wis­sen­schaft­li­chen Publi­zie­rens gehen auch von der Media­li­sie­rung der Wis­sen­schaft aus. Hier­un­ter wird die zuneh­mende Prä­senz der Wis­sen­schaft in den Mas­sen­me­dien ver­stan­den. For­schungs­er­geb­nisse wer­den zumin­dest in Tei­len öffent­lich sicht­bar, ebenso wie Ent­wick­lun­gen und Fehl­ent­wick­lun­gen. Die wis­sen­schafts­po­li­ti­sche For­de­rung nach einer öffent­li­chen Ver­mitt­lung von Wis­sen­schaft führt zu einer Ori­en­tie­rung der Kom­mu­ni­ka­tion an den Medien. Mit der all­ge­mei­nen Öffent­lich­keit gewin­nen Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler ein zwei­tes Publi­kum, das neben ihre Fach­ge­mein­schaft tritt. Beide For­men von Publi­kum ste­hen nun aller­dings nicht unver­bun­den neben­ein­an­der, son­dern befin­den sich in einem zum Teil span­nungs­vol­len Ver­hält­nis. Span­nun­gen ent­ste­hen zum einen mit Blick auf die viel­fäl­ti­ger wer­den­den Erwar­tun­gen, denen sich For­schende aus­ge­setzt sehen. Zum ande­ren bezie­hen sich die Mas­sen­me­dien sehr selek­tiv auf einen klei­nen Aus­schnitt des wis­sen­schaft­li­chen Publi­zie­rens, unter ande­rem den Publi­ka­tio­nen in den (inter­dis­zi­pli­nä­ren) Top-Journalen wie Sci­ence und Nature, und wir­ken so auf die Repu­ta­ti­ons­hierarchie wis­sen­schaft­li­cher Jour­nale und Auto­ren ein. Diese kam bis­lang vor­ran­gig durch wis­sen­schafts­in­terne Pro­zesse zustande.

Auch die Media­li­sie­rung pro­vo­ziert eine Viel­zahl von Fra­gen: Wie setzt sich öffent­li­ches Renom­mee von Wis­sen­schaft­lern in fach­li­che Repu­ta­tion um und kommt es dabei zu einer pro­ble­ma­ti­schen Ver­zer­rung der Aner­ken­nung von Leis­tun­gen? Wel­che Rolle spie­len die inter­dis­zi­pli­nä­ren Top-Journale für die Rekru­tie­rung von Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern, und wie ist in die­sem Zusam­men­hang der Ein­fluss von fach­ex­ter­nen Fak­to­ren bei Beru­fungs­ver­fah­ren ein­zu­schät­zen? Wel­che Aus­wir­kun­gen hat die geschil­derte Bezug­nahme der Mas­sen­me­dien auf die Arbeit in den Redak­tio­nen der Zeit­schrif­ten, und wel­che pro­ble­ma­ti­schen Effekte soll­ten gege­be­nen­falls kor­ri­giert werden?

Reflexivität

Mit Refle­xi­vi­tät ist die Außen­be­ob­ach­tung wis­sen­schaft­li­cher Publi­ka­ti­ons­ak­ti­vi­tä­ten unter Zuhil­fe­nahme quan­ti­ta­ti­ver Indi­ka­to­ren gemeint. Aus­ge­gan­gen ist diese Beob­ach­tungs­mög­lich­keit von der Ent­wick­lung von Zita­ti­ons­da­ten­ban­ken. Seit­dem sind sowohl die Art als auch der Umfang sol­cher Daten­quel­len stark ange­stie­gen. Neben Zita­ti­ons­da­ten­ban­ken las­sen sich bei­spiels­weise auch Hoch­schul­bi­blio­gra­phien oder die von Zeit­schrif­ten­da­ten­ban­ken gesam­mel­ten Nut­zer­da­ten zu einer exter­nen Beob­ach­tung nut­zen. Zudem wird von die­ser Form der Beob­ach­tung in zuneh­men­dem Maße und zu viel­fäl­ti­gen Gele­gen­hei­ten Gebrauch gemacht: Leis­tungs­mes­sung und –bewer­tung fin­det bei­spiels­weise bei Beru­fungs­ver­fah­ren und bei der Begut­ach­tung von For­schungs­an­trä­gen oder auch im Rah­men for­ma­ler Eva­lua­tio­nen statt. Biblio­the­ken und Ver­lage nut­zen Impact-Factoren und Nut­zungs­da­ten zur Beur­tei­lung der Per­for­mance von Jour­na­len oder auch bei Preis­ver­hand­lun­gen. Die Lei­tung von For­schungs­ein­rich­tun­gen ver­schafft sich mit Hilfe von Metri­ken einen Über­blick über die Leis­tung der ver­schie­de­nen For­schungs­ein­hei­ten, und auch die Öffent­lich­keit nimmt in Form von Uni­ver­si­täts­ran­kings eine sol­che Per­spek­tive der indi­ka­to­ren­ge­stütz­ten Außen­be­ob­ach­tung ein.

Auch diese Ent­wick­lung ist min­des­tens in Tei­len pro­ble­ma­tisch und wirft Fra­gen auf. Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler rea­gie­ren zum Bei­spiel bei leis­tungs­ori­en­tier­ter Mit­tel­ver­gabe mit der Anpas­sung der Publi­ka­ti­ons­stra­te­gien, indem sie ihren mess­ba­ren Out­put maxi­mie­ren. Dabei tritt die externe Leis­tungs­mes­sung zuneh­mend in Kon­kur­renz zu Pro­zes­sen der Ver­gabe von Repu­ta­tion und Aner­ken­nung inner­halb der Wis­sen­schaft. Wel­cher Nut­zungs­um­fang der indi­ka­to­ren­ba­sier­ten Beob­ach­tung ist daher wün­schens­wert, und für wel­che Dis­zi­plin gilt dies? Wel­che Grup­pen wer­den durch die Ver­fü­gung über sol­che Mit­tel der Leis­tungs­mes­sung gestärkt und wel­che geschwächt? Wie las­sen sich pro­ble­ma­ti­sche Effekte wie die Über­las­tung der Redak­tio­nen bestimm­ter Zeit­schrif­ten mit hohem Impact-Factor und die Auf­split­tung von For­schungs­er­geb­nis­sen in Rich­tung einer least publis­hable unit abmildern?

Cover: New York Public Library.
Foto: Tho­mas Hawk / flickr / CC-BY-NC 2.0