Emp­feh­lun­gen zum Thema Leistungsindikatoren
Gern kön­nen Sie unten einen Kom­men­tar zu den Emp­feh­lun­gen in die­sem The­men­feld hin­ter­las­sen.
Emp­feh­lung 1 | Ver­mei­dung von Fehlanreizen

Fehl­an­reize durch die Nut­zung publi­ka­ti­ons­ba­sier­ter Indi­ka­to­ren kön­nen nur dann ein­ge­dämmt wer­den, wenn in sämt­li­chen Berei­chen der Nut­zung – d. h. bei der For­schungs­eva­lua­tion, der Ein­wer­bung von Dritt­mit­teln und der Ver­gabe von Stel­len (ins­be­son­dere Beru­fungs­ver­fah­ren) – auf eine sach­ge­mäße Ver­wen­dung und ins­be­son­dere auf unbe­ab­sich­tigte Fol­ge­wir­kun­gen geach­tet wird.

Adres­sa­ten: Wis­sen­schafts­po­li­tik und –ver­wal­tung, wis­sen­schaft­li­che Fachgesellschaften


Emp­feh­lung 2 | Ver­wen­dung von Leistungsindikatoren

Publi­ka­ti­ons­ba­sierte Indi­ka­to­ren soll­ten nie unkri­tisch und nie als allei­ni­ges Instru­ment zur Mes­sung und Bewer­tung von For­schungs­leis­tun­gen ver­wen­det, son­dern stets mit einer qua­li­ta­ti­ven Beur­tei­lung von For­schungs­leis­tun­gen kom­bi­niert wer­den (‚Infor­med Peer Review‘). Es obliegt den wis­sen­schaft­li­chen Fach­ge­sell­schaf­ten, die Anwend­bar­keit von Leis­tungs­in­di­ka­to­ren bei der Bewer­tung von For­schungs­leis­tun­gen in einer Dis­zi­plin bzw. einem For­schungs­ge­biet zu bestimmen.

Adres­sa­ten: Wis­sen­schafts­po­li­tik und –ver­wal­tung, wis­sen­schaft­li­che Fachgesellschaften

Emp­feh­lung 3 | Ver­wen­dung von Leistungsindikatoren

Zu einer seriö­sen Anwen­dung von Leis­tungs­in­di­ka­to­ren zäh­len nicht nur die Aus­wahl einer jeweils ange­mes­se­nen Daten­grund­lage und die Ein­hal­tung metho­di­scher Stan­dards, son­dern auch die kri­ti­sche und sorg­fäl­tige Inter­pre­ta­tion der Ergeb­nisse unter Berück­sich­ti­gung der Gren­zen der Aus­sa­ge­kraft der gewähl­ten Indikatoren.

Adres­sa­ten: Wis­sen­schafts­po­li­tik und –ver­wal­tung, wis­sen­schaft­li­che Fachgesellschaften

Emp­feh­lung 4 | Ent­wick­lung von Indikatoren

Die Ent­wick­lung der Daten­grund­lage und ent­spre­chen­der Indi­ka­to­ren zur Durch­füh­rung einer publi­ka­ti­ons­be­zo­ge­nen Leis­tungs­mes­sung sollte geför­dert wer­den. Um das Wis­sen über Rück­kopp­lungs­ef­fekte zu ver­tie­fen, erscheint es sinn­voll, eine von der Indi­ka­to­ren­ent­wick­lung unab­hän­gige Begleit­for­schung einzurichten.

Adres­sa­ten: Wis­sen­schafts­po­li­tik und wis­sen­schaft­li­che Förderorganisationen

Kom­men­tare

  • Prof. Dr. Chris­toph Herrmann-Lingen, AWMF

    Die kri­ti­sche Hand­ha­bung publi­ka­ti­ons­ba­sier­ter Leis­tungs­in­di­ka­to­ren zur Mes­sung und Bewer­tung von For­schungs­leis­tun­gen ist schon auf­grund ihrer metho­di­schen Limi­ta­tio­nen aber auch wegen poten­zi­ell uner­wünsch­ter Steue­rungs­ef­fekte drin­gend gebo­ten. Einer ins­be­son­dere in den medi­zi­ni­schen Fächern zu beob­ach­ten­den pau­scha­li­sie­ren­den Bewer­tung von Wis­sen­schaft­lern / Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Ein­rich­tun­gen auf der Basis der Jour­nal Impact-Faktoren der­je­ni­gen Zeit­schrif­ten, in denen ihre For­schungs­er­geb­nisse publi­ziert wur­den, ist die AWMF daher bereits um die Jahr­tau­send­wende ent­ge­gen­ge­tre­ten. Diese Kri­tik tei­len mitt­ler­weile zahl­lose Wis­sen­schaft­ler und Wis­sen­schaft­le­rin­nen, etwa indem sie die Ende 2012 ver­fasste San Fran­cisco Decla­ra­tion on Rese­arch Assess­ment (DORA) unter­zeich­net haben. Damit weiß sich die AWMF einig mit bis­lang über 12000 Ein­zel­per­so­nen und über 500 wis­sen­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen welt­weit. Die AWMF begrüßt daher aus­drück­lich die Emp­feh­lun­gen der BBAW zur kri­ti­schen und in einen adäqua­ten Kon­text ein­ge­bet­te­ten Ver­wen­dung publi­ka­ti­ons­ba­sier­ter Leis­tungs­in­di­ka­to­ren und bekennt sich als Arbeits­ge­mein­schaft wis­sen­schaft­li­cher Fach­ge­sell­schaf­ten aus­drück­lich zur in den BBAW-Empfehlungen ange­spro­che­nen Ver­ant­wor­tung der Fach­ge­sell­schaf­ten dafür, die Anwend­bar­keit von Leis­tungs­in­di­ka­to­ren im jewei­li­gen Fach­ge­biet zu bestim­men. In ihrem Posi­ti­ons­pa­pier aus dem Jahr 2014 (Herrmann-Lingen et al., GMS Ger Med Sci 2014;12:Doc11) hat sie Alter­na­ti­ven zur der­zei­ti­gen Pra­xis der Eva­lua­tion medi­zi­ni­scher For­schungs­leis­tun­gen skiz­ziert und Vor­schläge zur Ver­wen­dung geeig­ne­ter Indi­ka­to­ren unter­brei­tet. Diese sol­len nun, sofern ent­spre­chende För­der­mit­tel bewil­ligt wer­den, in kon­krete Bewer­tungs­al­go­rith­men über­setzt und hin­sicht­lich ihrer fak­ti­schen und wahr­ge­nom­me­nen Bewer­tungs­er­geb­nisse mit eta­blier­ten Ver­fah­ren ver­gli­chen wer­den. Beson­ders unter­stützt die AWMF daher die Emp­feh­lung der BBAW, die Ent­wick­lung geeig­ne­ter Indi­ka­to­ren und der zugrund­le­gen­den Daten­ba­sis zu för­dern und ihre Ein­füh­rung beglei­tend zu erfor­schen. Denn nur durch Ent­wick­lung und Eva­lu­ie­rung metho­disch bes­ser geeig­ne­ter Indi­ka­to­ren erscheint eine evi­denz­ba­sierte Wei­ter­ent­wick­lung des bis­he­ri­gen Sys­tems medi­zi­ni­scher For­schungs­eva­lua­tion rea­lis­tisch möglich.

    Prof. Dr. Chris­toph Herrmann-Lingen ist Mit­glied im Prä­si­dium und Spre­cher der stän­di­gen Kom­mis­sion „Leis­tungs­eva­lua­tion in For­schung und Lehre“ der Arbeits­ge­mein­schaft der Wis­sen­schaft­li­chen Medi­zi­ni­schen Fach­ge­sell­schaf­ten (AWMF)

    • Hans Mus­ter­mann, Uni­ver­si­tät Großstadt

      Ein­stei­gen!

  • Ein­ge­la­de­ner Kommentar

    Ste­fan Horn­bos­tel, Lei­ter des Insti­tuts für For­schungs­in­for­ma­tion und Qua­li­täts­si­che­rung über die Haupt­pro­bleme der Ver­wen­dung biblio­me­tri­scher Indi­ka­to­ren und Entwicklungspotentiale

    https://www.youtube.com/watch?v=3aWlaRiJJhE

  • Ein­ge­la­de­ner Kommentar

    Prof. Dr. med. Chris­toph Herrmann-Lingen, Mit­glied im Prä­si­dium und Spre­cher der stän­di­gen Kom­mis­sion Leis­tungs­eva­lua­tion in For­schung und Lehre“ der Arbeits­ge­mein­schaft der Wis­sen­schaft­li­chen Medi­zi­ni­schen Fach­ge­sell­schaf­ten (AWMF)

    Die kri­ti­sche Hand­ha­bung publi­ka­ti­ons­ba­sier­ter Leis­tungs­in­di­ka­to­ren zur Mes­sung und Bewer­tung von For­schungs­leis­tun­gen ist schon auf­grund ihrer metho­di­schen Limi­ta­tio­nen aber auch wegen poten­zi­ell uner­wünsch­ter Steue­rungs­ef­fekte drin­gend gebo­ten. Einer ins­be­son­dere in den medi­zi­ni­schen Fächern zu beob­ach­ten­den pau­scha­li­sie­ren­den Bewer­tung von Wis­sen­schaft­lern / Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Ein­rich­tun­gen auf der Basis der Jour­nal Impact-Faktoren der­je­ni­gen Zeit­schrif­ten, in denen ihre
    For­schungs­er­geb­nisse publi­ziert wur­den, ist die AWMF daher bereits um die Jahr­tau­send­wende ent­ge­gen­ge­tre­ten. Diese Kri­tik tei­len mitt­ler­weile zahl­lose Wis­sen­schaft­ler und Wis­sen­schaft­le­rin­nen, etwa indem sie die Ende 2012 ver­fasste San Fran­cisco Decla­ra­tion on Rese­arch Assess­ment (DORA) unter­zeich­net haben. Damit weiß sich die AWMF einig mit bis­lang über 12000 Ein­zel­per­so­nen und
    über 500 wis­sen­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen welt­weit. Die AWMF begrüßt daher aus­drück­lich die Emp­feh­lun­gen der BBAW zur kri­ti­schen und in einen adäqua­ten Kon­text ein­ge­bet­te­ten Ver­wen­dung publi­ka­ti­ons­ba­sier­ter Leis­tungs­in­di­ka­to­ren und bekennt sich als Arbeits­ge­mein­schaft wis­sen­schaft­li­cher Fach­ge­sell­schaf­ten aus­drück­lich zur in den BBAW-Empfehlungen ange­spro­che­nen Ver­ant­wor­tung der Fach­ge­sell­schaf­ten dafür, die Anwend­bar­keit von Leis­tungs­in­di­ka­to­ren im jewei­li­gen Fach­ge­biet zu bestim­men. In ihrem Posi­ti­ons­pa­pier aus dem Jahr 2014 (Herrmann-Lingen et al., GMS Ger Med Sci 2014;12:Doc11) hat sie Alter­na­ti­ven zur der­zei­ti­gen Pra­xis der Eva­lua­tion medi­zi­ni­scher For­schungs­leis­tun­gen skiz­ziert und Vor­schläge zur Ver­wen­dung geeig­ne­ter Indi­ka­to­ren unter­brei­tet. Diese sol­len nun, sofern ent­spre­chende För­der­mit­tel bewil­ligt wer­den, in kon­krete Bewer­tungs­al­go­rith­men über­setzt und hin­sicht­lich ihrer fak­ti­schen und wahr­ge­nom­me­nen Bewer­tungs­er­geb­nisse mit eta­blier­ten Ver­fah­ren ver­gli­chen wer­den. Beson­ders unter­stützt die AWMF daher die Emp­feh­lung der BBAW, die Ent­wick­lung geeig­ne­ter Indi­ka­to­ren und der zugrund­le­gen­den Daten­ba­sis zu för­dern und ihre Ein­füh­rung beglei­tend zu erfor­schen. Denn nur durch Ent­wick­lung und Eva­lu­ie­rung metho­disch bes­ser geeig­ne­ter Indi­ka­to­ren erscheint eine evi­denz­ba­sierte Wei­ter­ent­wick­lung des bis­he­ri­gen Sys­tems medi­zi­ni­scher For­schungs­eva­lua­tion rea­lis­tisch möglich.

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    Ste­fan Horn­bos­tel, Lei­ter des Insti­tuts für For­schungs­in­for­ma­tion und Qua­li­täts­si­che­rung über die Hal­tung von Wis­sen­schaft­lern zu biblio­me­tri­schen Indikatoren

    https://www.youtube.com/watch?v=PqqziYEjuwI

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    Bar­bara Bud­rich, Bud­rich Verlag

    Emp­feh­lun­gen der BBAW zur Zukunft des wis­sen­schaft­li­chen Publizierens

    Ein wis­sen­schaft­li­cher Fach­ver­lag ver­steht seine Rolle im Publi­ka­ti­ons­pro­zess als Beglei­ter des Autors, der Auto­rin im Publi­ka­ti­ons­pro­zess. Dabei ist der Ver­lag Dienst­leis­ter für die Wis­sen­schaft. Die Merk­male die­ser Fach­ver­lage sind neben Qua­li­täts­kon­trolle und Beglei­tung im Publi­ka­ti­ons­pro­zess auf Augen­höhe, ein wert­schät­zen­der Umgang sowohl mit den
    Auto­rin­nen und Auto­ren als auch mit den anver­trau­ten Manu­skrip­ten. Die Dienst­leis­tun­gen, die einen ech­ten Fach­ver­lag zum Bei­spiel von einem Dis­ser­ta­ti­ons­ver­lag unter­schei­den, rei­chen von Bera­tung und Betreu­ung über Pres­se­ar­beit und Mar­ke­ting bis hin zu Kon­gress­prä­senz und Ver­triebs­ar­beit. Der Ver­lag lebt in die­sem Zusam­men­hang von sei­ner Repu­ta­tion und unter­stützt damit die Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler beim Auf­bau der ihren.

    Diese Art der Bezie­hung zwi­schen Autor, Auto­rin und Ver­lag spielt dann keine Rolle mehr, wenn die Fixie­rung auf – häu­fig nicht beleg­bare – Klick­zah­len und absurde Quan­ti­täts­kri­te­rien die Wis­sen­schaft durch­drin­gen und zu einer gemain­stream­ten Mas­sen­ware degradieren.

    Die Wis­sen­schaft hat sich dar­auf ein­ge­las­sen, sich selbst dem Dik­tat des Zähl­ba­ren so zu unter­wer­fen, als sei es mög­lich,
    wis­sen­schaft­li­che Qua­li­tät durch zitierte Quan­ti­tät zu bele­gen. Die Zah­len der Zita­ti­ons­in­di­zes kom­men dabei von Groß­kon­zer­nen – zum Bei­spiel Thom­son Reu­ter –, die ihrer­seits dar­auf kon­zen­triert sind, mit Daten aller Art zu handeln.

    Diese Kon­zerne zäh­len das, wor­auf sie online Zugriff haben. Sie wäh­len in der Haupt­sa­che Zeit­schrif­ten nach ihren eige­nen Kri­te­rien aus. Die Aus­wahl­kri­te­rien, die offen­ge­legt wer­den, bezie­hen sich auf Eigen­schaf­ten wie „pünkt­li­ches Erschei­nen“ der ein­zel­nen Zeit­schrif­ten­aus­ga­ben und „Inter­na­tio­na­li­tät von Her­aus­ge­be­rIn­nen, Auto­rIn­nen und Bei­trä­gen“. Die gro­ßen Erb­sen­zäh­ler in die­sem Spiel sind in der Haupt­sa­che anglo-amerikanische Kon­zerne. Wis­sen­schaft­li­che Lite­ra­tur – vor allem Zeit­schrif­ten – wird also zual­ler­erst auf ihre ent­spre­chende Rele­vanz hin unter­sucht. Es gibt Aus­nah­men, also auch nicht-englischsprachige, nicht-anglo-amerikanische Zeit­schrif­ten und wenige Mono­gra­fien, die aus­ge­wer­tet wer­den. Aber dies sind Ausnahmen.

    Ein nicht gerin­ger Teil der für uns rele­van­ten Sozial– und Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten, eifert nun den Natur­wis­sen­schaf­ten nach, und möchte die eigene Publi­ka­ti­ons­kul­tur – mit einem Schwer­punkt in deutsch­spra­chi­gen Mono­gra­fien – ver­las­sen. Denn dies ist not­wen­dig, um eben­falls gezählt zu wer­den und um im Klima der aktu­el­len Wis­sen­schafts­po­li­tik aus­rei­chend Punkte zu sam­meln. Punkte, die dafür sor­gen, dass die jewei­lige Wis­sen­schaft im bes­ten Falle mit aus­rei­chen­den Finanz­mit­teln aus­ge­stat­tet wird.

    Diese Situa­tion des wis­sen­schaft­li­chen Publi­zie­rens finde ich in den „Emp­feh­lun­gen“ her­vor­ra­gend wie­der­ge­spie­gelt und viele der Lösungs­an­sätze schei­nen mir erfolg­ver­spre­chend. Im Detail habe ich die Situa­tion als noch ver­schärf­ter emp­fun­den und führe dies im Fol­gen­den aus

    Was zählt in der Wissenschaft?

    Als Ver­le­ge­rin im wis­sen­schaft­li­chen Ver­lag Bar­bara Bud­rich sind meine Bezugs­wis­sen­schaf­ten die Sozio­lo­gie, Poli­tik­wis­sen­schaft, Erzie­hungs­wis­sen­schaft, Soziale Arbeit und Gen­der Stu­dies. Unsere Auto­rin­nen und Auto­ren sind her­vor­ra­gende Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler. Und zudem kri­ti­sche Geis­ter. Sollte man meinen.

    Denn getrie­ben von den Not­wen­dig­kei­ten der heu­ti­gen Wis­sen­schafts­kul­tur schweigt der kri­ti­sche Geist zu häu­fig. Statt­des­sen plap­pert die Alter­na­tiv­lo­sig­keit. Selbst gestan­dene Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler sind dage­gen nicht immun. Alle hän­gen am Tropf öko­no­mi­scher Sachzwänge.

    Sie berich­ten vom Hirsch-Faktor. Sie kämp­fen mit den Anfor­de­run­gen des SSCI. Sie füh­len sich über­wäl­tigt von Peer-Review-Bitten, derer sie nicht mehr Herr wer­den kön­nen. Und der wis­sen­schaft­li­che Nach­wuchs erläu­tert mir die Tricks, die heute Gang und Gäbe seien, um das eigene Ran­king zu ver­bes­sern: durch schlichte Mehr­fach­pu­bli­ka­tion ein und des­sel­ben Bei­trags. Ich will nicht mit dem Urhe­ber­rechts­ge­setz­buch win­ken oder mich mora­lisch ent­rüs­ten: Dies sind die Pro­bleme, vor denen Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler ste­hen. Zusam­men­ge­fasst habe ich es in im Titel eines mei­ner Blog-Artikel: (in a ran­ked, English lan­guage peer reviewed jour­nal only) or perish? Und dabei habe ich noch „online“ ver­ges­sen. Tat­säch­lich ver­misse ich in den „Emp­feh­lun­gen“ den deut­li­chen Hin­weis auf den gefühl­ten Zwang zur Ver­öf­fent­li­chung in „inter­na­tio­na­len“
    Jour­nals – und die Aus­ein­an­der­set­zung damit, welch ein Unfug dies zuwei­len ist. Wäh­rend sich STM-Ergebnisse gut in dem weit ver­brei­te­ten „bad Eng­lisch“ aus­drü­cken las­sen mögen, ist dies für meine Bezugs­wis­sen­schaf­ten eher hin­der­lich. Auch ist die Frage, inwie­weit bei­spiels­weise Unter­richts­be­ob­ach­tun­gen zusam­men mit rekon­struk­ti­ven Exper­tIn­nen­in­ter­views in einer Grund­schule in Hünxe unbe­dingt in einer inter­na­tio­na­len Zeit­schrift ver­öf­fent­licht wer­den müs­sen. Nicht, dass der­ar­tige For­schung in Deutsch­land nicht von Belang wäre! Über die wis­sen­schaft­li­che Qua­li­tät ist doch damit nichts gesagt, wenn man weiß, wo die Ziel­gruppe liegt!

    Über­haupt: Was heißt hier „international“?

    Die viel­fach vor­ge­scho­be­nene zwin­gende Not­wen­dig­keit der Inter­na­tio­na­li­tät der Wis­sen­schaft ist in vie­len Berei­chen mei­ner Bezugs­wis­sen­schaf­ten absurd. Im Übri­gen habe ich – und ich bin da nichts Beson­de­res – die Erfah­rung gemacht, dass auch „Inter­na­tio­na­li­tät“ kul­tu­rell sehr unter­schied­lich kon­no­tiert ist. Die Fra­ge­stel­lun­gen inter­na­tio­na­ler For­schung in Frank­reich –
    mit star­ken Bezü­gen zu ehe­ma­li­gen Kolo­nien – sind ganz andere, als inter­na­tio­nale Kon­texte in Süd­ko­rea. Viel­fach ent­steht der Ein­druck, es sei der anglo­ame­ri­ka­ni­sche Raum gemeint, wenn von „Inter­na­tio­na­li­tät“ gespro­chen wird.

    Ver­ste­hen Sie mich nicht falsch: Ich bin sehr für Inter­na­tio­na­li­tät. Mein Ver­lag gehört zu den weni­gen unab­hän­gi­gen Ver­la­gen, die über­haupt regel­mä­ßig auf ein­schlä­gi­gen inter­na­tio­na­len Ver­an­stal­tun­gen prä­sent ist. Einer von ganz weni­gen, die ernst­haft ver­su­chen, für Auto­rin­nen und Auto­ren auch neben dem gerank­ten Main­stream Publi­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten zu eröff­nen. Doch die
    Wis­sen­schaft ist auf der Jagd nach den drin­gend not­wen­di­gen Punk­ten. Wäh­rend sie in der selbst­ge­schaf­fe­nen Hölle ver­zwei­felt, stirbt die Ver­lags­kul­tur des part­ner­schaft­li­chen Mit­ein­an­ders den eher bei­läu­fi­gen Tod als „Kol­la­te­ral­scha­den“ im Kampf der Großkonzerne.

    In den „Emp­feh­lun­gen“ der BBAW sind diese Aus­wüchse in Ansät­zen nachzulesen.

    Dou­ble Dip­ping: Hoch­kon­junk­tur für Konzernverlage

    Auch das scham­lose Aus­nut­zen die­ser Ver­zweif­lung unter pre­kä­ren Anstel­lungs– und Bewährungs-Bedingungen an Hoch­schu­len ist in den „Emp­feh­lun­gen“ nach­zu­le­sen. Die mit Double-Dipping bezeich­nete Pra­xis der Heuschrecken-Verlage kommt hin­ge­gen nicht so pro­mi­nent vor. Diese Pra­xis einer Hand­voll inter­na­tio­na­ler Groß­kon­zerne – sich einer­seits an Biblio­thek­s­etats mit fünf­stel­li­gen Euro-Beträgen pro Zeit­schrif­ten­abon­ne­ment zu bedie­nen und ande­rer­seits die „arti­cle pro­ces­sing fees“ in Höhe von wie­derum meh­re­ren Tau­send Euro pro ver­öf­fent­lich­tem Bei­trag ein­zu­strei­chen – führt zu Ren­di­ten in Höhe von um die 40%. Und das in einer Bran­che, in der die Umsatz­ren­dite für gewöhn­lich bei 5 bis 10% liegt. Klug gewirtschaftet?

    In mei­nen Bezugs­wis­sen­schaf­ten sind weder sol­che Abon­ne­m­ent­s­preise noch sol­che Publi­ka­ti­ons­ge­büh­ren zu holen. Doch durch das geschickte Schnü­ren von Pake­ten und das Aus­blu­ten der Biblio­thek­s­etats über die hoch­prei­si­gen STM-Bereiche wer­den die Anschaf­fungs­mög­lich­kei­ten in unse­ren Wis­sen­schaf­ten aus­ge­höhlt, was – wie in den „Emp­feh­lun­gen“ auf­ge­zeigt – zu einer Ver­la­ge­rung der Lite­ra­tur­be­schaf­fung in den Pri­vat­be­reich führt.

    Lie­ber wach­sen, als den Ver­stand zu behalten

    Dies sagt – sinn­ge­mäß – Michael Hagner (2015) zur Lage der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten. Die sich darum bemüh­ten, den aktu­ell ton­an­ge­ben­den STM nach­zu­ei­fern: hohe Publi­ka­ti­ons­fre­quenz, und –dichte – ein Gedanke, fünf Zeitschriftenbeiträge.

    Noch vor weni­gen Jah­ren ver­öf­fent­lich­ten die Sozial– und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten haupt­säch­lich in mono­gra­fi­scher Form. Das ist nach­voll­zieh­bar. Die Wis­sen­schaft ist in die­sen Berei­chen häu­fig mit inten­si­vem Den­ken, hoch­kom­ple­xen Theo­rien und viel­fach ver­wo­be­nen Gedan­ken­strän­gen, Refle­xion und Refle­xion der Refle­xion befasst. Texte, rich­tig lange Texte, ver­schach­telte Syn­tax, Fuß­no­ten, Exkurse – all das braucht mehr Raum, als ein Zeit­schrif­ten­bei­trag bie­tet. Und das Lesen braucht mehr Mög­lich­kei­ten als das Rauf– und Run­ter­scrol­len an einem Rech­ner oder einem digi­ta­len Rea­der. Vor– und Zurück­blät­tern ist an der Tages­ord­nung, nicht allein die Hap­tik, auch die Geo­gra­fie des Buches wird gebraucht, damit Lese­rin und Leser sich den Text lang­sam und reflek­tie­rend erschlie­ßen können.

    Waren dies bis vor kur­zem noch aner­kannte Pro­zesse in den Sozial– und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten, so scheint es, dass diese Ära des all­mäh­li­chen Ver­fer­ti­gens eige­ner Gedan­ken bei der tief­sin­ni­gen Aus­ein­an­der­set­zung mit den Gedan­ken ande­rer vor­bei ist.

    Michael Hagner (2015) unter­schei­det zwi­schen Büchern und Infor­ma­tio­nen. Wäh­rend Letz­tere sich wun­der­bar in klei­nen stan­dar­di­sier­ten Digi­ta­li­sa­ten unter­brin­gen las­sen, haben Ers­tere nach mei­ner Ein­schät­zung in der binä­ren Welt noch keine adäquate Dar­stel­lungs­form gefun­den. Inso­fern folge ich den „Emp­feh­lun­gen“ dahin­ge­hend, dass dem jewei­li­gen Autor, der jewei­li­gen Auto­rin die Wahl­mög­lich­keit bei der Publi­ka­tion erhal­ten blei­ben sollte. Jeden­falls dann, möchte ich hier anfü­gen,
    wenn Inhalt und Ori­gi­na­li­tät das auch hergeben.

    Kein Ende des Wachs­tums: Die Publikationsflut

    In den „Emp­feh­lun­gen“ klingt an, dass die Wis­sen­schaft sich durch Fehl­an­reize (wis­sen­schaft­li­che Qua­li­tät gespie­gelt in gro­ßer Quan­ti­tät) zu einer Publi­ka­ti­ons­flut ent­schlos­sen habe. Was mir jedoch fehlt, ist das Benen­nen der zwei­ten spru­deln­den Quelle aus rei­nem Rendite-Kalkül: Es ist die durch Kon­zern­ver­lage noch wei­ter ad absur­dum geführte Publi­ka­ti­ons­schwemme.
    Nicht allein die Wis­sen­schaft ist ver­ant­wort­lich für die Masse an Publi­ka­tio­nen, her­vor­ge­ru­fen durch die­sen Zwang mög­lichst schnell, mög­lichst häu­fig, mög­lichst viel zu publi­zie­ren. Son­dern zudem genau jene Kon­zern­ver­lage, die mit Biblio­the­ken auch im eBook-Bereich Ver­ein­ba­run­gen abge­schlos­sen haben. Die Biblio­the­ken sind gehal­ten, für die Sum­men, die sie inves­tie­ren,
    ent­spre­chende Men­gen an digi­ta­len Publi­ka­tio­nen ein­zu­for­dern. Seriöse Geis­tes– und Sozi­al­wis­sen­schaft kann in die­sem Tempo keine Qua­li­tät am Fließ­band pro­du­zie­ren. Doch die Kon­zerne sind nicht dumm: Schon sam­meln sie flä­chen­de­ckend und mas­sen­haft Qua­li­fi­ka­ti­ons­ar­bei­ten von Hoch­schu­len ein und packen sie mit in ihre Bund­les. Die Biblio­thek wollte x Mono­gra­fien pro Jahr haben? Prima! Sie haben ja nicht gesagt, was für Mono­gra­fien! Der nächste kluge Schachzug?

    In Dis­kus­sio­nen mit hoch­an­ge­se­he­nen Men­schen aus der Wis­sen­schaft wurde mir übri­gens erklärt, dies läge ein­zig und allein in der Ver­ant­wor­tung der Biblio­the­ken. Die Ver­lage hät­ten schließ­lich keine andere Wahl: pacta sunt ser­vanda. Wirklich?

    Die deutsch­spra­chige Sitte der Publi­ka­ti­ons­pflicht bei Dis­ser­ta­tion ver­hilft dem Gan­zen dazu, dass der Ein­zelne mit Freude seine Dis­ser­ta­tion in die­sen Ent­eig­nungs­pro­zess gibt. Schließ­lich müs­sen dann die gerade Pro­mo­vier­ten keine Druck­kos­ten­zu­schüsse zah­len. Anstatt für zwei– bis drei­tau­send Euro ein Buch in Hän­den zu hal­ten, bei des­sen Publi­ka­tion die junge Auto­rin erste Erfah­run­gen im Publi­zie­ren sam­meln konnte, ver­schwin­det das Digi­ta­li­sat ohne Kos­ten – und ohne Dienst­leis­tung –hin­ter den Bezahl­bar­rie­ren der Kon­zern­ver­lage. (Bei der Inten­si­tät, mit der in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auch
    Rechte an alten, teils lange ver­grif­fe­nen Wer­ken, ein­ge­holt wur­den, steht nicht zu ver­mu­ten, dass bei den Groß­kon­zer­nen eine „Moving Wall“ geplant ist, die diese Publi­ka­tio­nen nach eini­gen Jah­ren ein­träg­li­chen Daseins in einen Green Open Access bringen.)

    Und natür­lich sind frisch­ge­ba­ckene Bache­lor und Mas­ter stolz, wenn auch ihre Arbei­ten als Kuchen­masse zu den Must-have-Rosinen in die Bund­les für die Biblio­the­ken eingehen.

    Was wirk­lich zählt

    Ja, die „Emp­feh­lun­gen“ kom­men gerade recht! Denn es ist an der Zeit, dass die Wis­sen­schaft sich auf ihre eige­nen Wur­zeln besinnt und auf ihre Daseins­be­rech­ti­gung und auf ihre viel­be­schwo­rene Frei­heit. Die Öko­no­mi­sie­rung der Wis­sen­schaf­ten führt dazu, dass wirk­lich nur noch Fra­gen gestellt wer­den kön­nen, die sich rasch und mög­lichst gewinn­brin­gend beant­wor­ten
    las­sen. Doch wohin führt die Uti­li­ta­ri­sie­rung der Wis­sen­schafts­be­rei­che? Vor wel­che Rendite-Karre las­sen sich bei­spiels­weise Phi­lo­lo­gien span­nen? Wie viele wis­sen­schaft­li­che Brownie-Points bekommt jemand für die Abar­bei­tung an sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Theo­rien ohne direk­ten wirt­schaft­li­chen Nähr­wert? Schon Ein­stein war der Mei­nung, dass nicht alles, was zählt, gezählt wer­den kann und umge­kehrt. Und ich bin froh, dass dies in den „Emp­feh­lun­gen“ deut­lich wird.

    Quelle: Michael Hagner, Zur Sache des Buches, Göt­tin­gen 2015